Eigentlich sind es nur zwei kleine Heftchen gewesen: das eine mit einem weichen schwarzen Einband, der aus einem alten Schulheft herausgeschnitten wurde, das andere mit einem festeren, schwarz-gelb gestreiften Einband, der vielleicht aus dem Haushaltsbuch stammte, in das unsere Eltern ihre täglichen Ausgaben notierten und das nicht mehr in Gebrauch war. Die beiden Hefte wurden von Petr aus Altpapier gebunden, und er hat sie als Tagebücher
benutzt. In jenen Kriegszeiten waren viele alltägliche Dinge nur mühsam zu beschaffen, und ein Heft aus einem Schreibwarenladen war für ein jüdisches Kind unerreichbar.
Aber Petr liebte es, solche Hefte herzustellen, genauso wie er jede kreative Arbeit liebte. Die selbstgemachten Hefte benutzte er nicht nur als Tagebücher, sie waren auch für seine literarischen Werke bestimmt, für seine Manuskripte.
In seiner kindlichen Phantasie sah er sich selbst als Buchbinder, Schriftsteller, Verleger, Reporter und Forscher in einer Person. Das Tagebuch begann er mit dreizehn Jahren zu schreiben, und er hörte damit auf, kurz bevor er mit vierzehn Jahren nach Theresienstadt1 deportiert wurde. Sechzig Jahre später tauchten die beiden Tagebuchhefte unter sehr ungewöhnlichen Umständen
wieder auf. Als sich 2003 die amerikanische Raumfähre Columbia auf ihren Start vorbereitete, wollte eines der Besatzungsmitglieder, der Israeli Ilan Ramon, ein Symbol des Holocausts mit ins All nehmen. Denn seine Mutter hatte die Schrecken des Konzentrationslagers Auschwitz überlebt. Er wandte sich an das Holocaustmuseum Yad Vashem in Jerusalem, wo neben zahlreichen Dokumenten auch die meisten erhalten gebliebenen Zeichnungen von Petr aufbewahrt werden. Mein Bruder war ein sehr begabter, fleißiger und wissensdurstiger Junge mit vielen Interessen. Er hat Artikel und Erzählungen geschrieben, mehrere Kurzromane verfasst, hat gerne gezeichnet und Bilder gemalt. Seine üppige Phantasie spiegelt sich in dem Bild Mondlandschaft vielleicht am besten wider und gerade diese Zeichnung suchte sich Ilan Ramon zusammen mit den Mitarbeitern des Museums für seine Reise ins All aus. Der tragische Absturz der Raumfähre Columbia erschütterte die ganze Welt. Wie die anderen Besatzungsmitglieder kam auch Ilan Ramon bei dem Unglück ums Leben. Sein jäher Tod rief schlagartig das Schicksal von Hunderttausenden von Menschen in Erinnerung, die genauso wie er am Anfang ihres Lebens gestanden hatten, als der Holocaust ihrem Leben ein Ende setzte. Für diese Menschen steht auch Petr Ginz als Symbol. Und ebenjener Zeichnung von Petr ist es zu verdanken, dass nach dem Columbia- Absturz seine Tagebücher zutage kamen. Einige Wochen nach dem tragischen Ereignis meldete sich ein Mann aus Prag bei Yad Vashem und bot Petrs Hefte und Zeichnungen zum Kauf an. Er habe sie in einem alten Haus im Prager Stadtteil Modrany gefunden, das er vor einigen Jahren gekauft hatte.
Das meiste Gerümpel, von dem das Haus überquoll, habe er weggeworfen, doch aus unerklärlichen Gründen habe er diese Hefte und Zeichnungen behalten.
Als nun das tschechische Fernsehen im Zusammenhang mit der Tragödie der Columbia auch über das Schicksal des jungen Prager Petr Ginz berichtete, erinnerte sich der Mann an seinen »Fund« und schickte per E-Mail Kostproben der gefundenen Texte und Zeichnungen nach Israel.
Der Anblick von Petrs Arbeiten brachte mich ganz durcheinander. Plötzlich kam es mir vor, als ob Petr gar nicht wirklich tot wäre, sondern aus der Ewigkeit eine Botschaft senden würde, um von sich zu berichten. Der neu entdeckte Nachlass bestand aus zwei Tagebüchern, in denen Petr die Ereignisse aus der
Zeit zwischen 1941und1942 aufgezeichnet hatte aus der Zeit vor seiner Deportation nach Theresienstadt, als wir noch alle zusammen zu Hause in Prag lebten.
Als ich die Tagebuchseiten und Petrs Zeichnungen sah, war ich sofort von ihrer Echtheit überzeugt. Ich erkannte die Schrift meines Bruders und erinnerte mich an die dort beschriebenen Ereignisse. Petrs Schrift verändert sich auf den Seiten des Tagebuchs allmählich je näher das Datum seiner Reise nach Theresienstadt rückt, desto nervöser und schlechter lesbar wird sie. Mit jeder neuen Seite des Tagebuchs fühlte auch ich eine immer größere Aufregung in mir aufsteigen.
Petr schreibt ausdrücklich nicht über seine Angst vor der Zukunft, und dennoch sind hinter seinen Notizen die dunklen Wolken zu erahnen, die sich über ihm zusammenbrauten, um ihn am Ende ganz zu verschlingen. Außer den Tagebüchern fanden sich noch Petrs Linolschnitte, vorwiegend Illustrationen zu den Romanen von Jules Verne, der damals sein Lieblingsschriftsteller
war. Zum Nachlass gehörten darüber hinaus der erste Teil eines
seiner Romane, zwei weitere Hefte mit seinen Artikeln und schließlich ein Verzeichnis von literarischen Werken, die er geschaffen hatte. Ich beschloss, gemeinsam mit meinem Mann nach Prag zu reisen, um den Besitzer von Petrs Nachlass aufzusuchen. Ich hoffte, einen legalen Anspruch
auf das Erbe meines Bruders zu haben nach der Konsultation mit meiner Anwältin musste ich aber feststellen, dass dem nicht so war. Das Haus, in dem Petrs Werke gefunden worden waren, befand sich nämlich seit mehr als drei Jahren im Besitz des neuen Käufers. Am Ende gelang es mir aber dennoch, Petrs Nachlass
zu bekommen, so dass ich heute seine beiden Tagebücher und einige Linolschnitte besitze. Der Rest befindet sich im Museum Yad Vashem in Jerusalem.